Zur Eröffnungsveranstaltung fanden sich etwa 150 Zuhörer im Kreistagssaal in
Celle ein, unter ihnen die Geschäftsführerin des Lüneburgischen Landschaftsverbandes Anne Denecke, die
Fachbereichsleitering für Sport und Kultur bei der Stadt Celle, Susanne McDowell, die Celler Schriftstellerin
Bella Q. und der Wathlinger Schriftsteller und Fotojournalist Andreas Pröve.
Schriftreihe d. RWLE Möller Stiftung Celle 2010
(In allen Celler Buchhandlungen erhältlich)
Redaktion Celler Presse:
Eine literarische Reise durch das Celler Land mit Oskar Ansull
CELLE. Denkt man an Celle und die Lüneburger Heide, ist man schnell bei Hermann Löns und Arno Schmidt.
Die Inbegriffe der Heimatdichter stehen jedoch nicht allein für das literarische Schaffen in der und über die
Region. Oskar Ansull (Jahrgang 1950), selbst ein Celler – genauer noch ein Westerceller – hat im Rahmen
der Veranstaltungen um den 125. Geburtstag des Landkreises Celle eine Vortragsreihe gestartet, in der die
literarischen Spuren von den Anfängen um 1300 bis zur Gegenwart betrachtet werden. Zur
Eröffnungsveranstaltung am vergangenen Donnerstag fanden sich etwa 150 Zuhörer im Kreistagssaal in
Celle ein, unter ihnen die Geschäftsführerin des Lüneburgischen Landschaftsverbandes Anne Denecke, die
Fachbereichsleitering für Sport und Kultur bei der Stadt Celle, Susanne McDowell, die Celler Schriftstellerin
Bella Q. und der Wathlinger Schriftsteller und Fotojournalist Andreas Pröve.
In der Eröffnungsrede bezeichnete Landrat Klaus Wiswe die Literatur als ein Stück Identität mit Heimat; es
sei erfreulich, dass eine solche Sache guten Anklang finde. Anschließend hatte Oskar Ansull keine Mühe die
Zuhörer für sich einzunehmen. Er gab Antworten auf die Fragen: Wer lebt hier, lebte und hat geschrieben?
Was ist und zählt zur Literatur des Landkreises? Dabei beanspruchte das Kapitel der Literatur von
Durchreisenden einen erheblichen Raum. Und „dass der Landkreis Celle ein direkter Ausläufer des von Gott
und seinen Engeln geschaffenen Paradieses ist“ – wer hat das nicht schon längst gewusst oder zumindest
geahnt. Diese Einschätzung stammt aus dem Buch von Fritz Reuter (1810 – 1874) „Das Leben im
Paradiese“. Nun, die prägenden Merkmale des Landkreises bestätigen das nur teilweise: Kali & Öl – Militär &
Religion – Kloster & KZ – Moor & Felder – Wald & Heide.
Auf der Suche nach Autoren, die in Celle wirkten, darf Carla Meyer-Rasch nicht fehlen. Sie habe vieles
entdeckt und bewahrt und anschaulich in Geschichten verpackt. Eine kritische Würdigung ihrer Arbeit stehe
aber noch aus. Oskar Ansull befasste sich mit einer noch genauer zu bestimmenden Form der Heimatkunde.
„Heimat“ statt des ideologiebelandenen Begriffs „Region“ . „Das Europa der Regionen löst eine Begrifflichkeit
ab, die dem gefährlicheren von der „Nation“ zu entgehen sucht“, so Ansull. Beklemmend schien die
Einordnung der Verschleppten und Opfer aus den Weltkriegen in die Kategorie „Heimatdichter", die ihre
Leidenszeit unter menschenunwürdigen Umständen in literarische Werke fassten. Aus dem ersten Weltkrieg
bietet noch heute das Cellelager in Scheuen ausreichend Betätigung für Übersetzer aus dem Italienischen.
Carlo Emilio Gadda, Bonaventura Tecchi und Ugo Betti haben dort Werke hinterlassen. In dem Lager wurden
seinerzeit „die Feinde Deutschlands“ zur Schau gestellt. Aus dem zweiten Weltkrieg ist ein mit verdünnter
Tinte geschriebenes Tagebuch des 23 Jahre alten Loden Vogel, alias Louis Tas, der 1944 nach Bergen-
Belsen verschleppt wurde, bekannt. Jerzy Orlowski, der mit 12 Jahren im Juli 1943 aus Warschau nach
Bergen-Belsen deportiert wurde, schrieb Gedichte und überlebte. Heute ist er ein international
preisgekrönter Autor, der in Israel lebt, und jetzt Uri Orlev heißt. Oskar Ansull schlug vor, die bislang
namenlose Stadtbücherei in Bergen nach ihm zu benennen.
So haben viele Literaten den Landkreis Celle besucht, zumindest gestreift oder sich nur über die Landschaft
der Lüneburger Heide ausgelassen. Joseph von Eichendorff charakterisierte die Lüneburger Heide so:
„Soweit das Auge reicht, kein Haus, kein Baum, kein Mensch.“ Hans Christian Andersen schrieb einst in
seinem Reisebuch: „Ich sah hinaus auf die große Lüneburger Heide, von der man sagt, sie sei so hässlich.
Herrgott, was die Leute reden!“ Samuel Beckett muss wohl auch sehr enttäuscht gewesen sein, denn er
resümierte: „Die Lüneburger Heide gefiel mir ganz und gar nicht.“ Die Schriftstellerin Caroline Schlegel reiste
1801 durch den damals noch nicht in der heutigen Form konstituierten Landkreis Celle und klagte in einem
Brief über den öden Landstrich mit dem Ausspruch so nachhaltig: „…..hilf Himmel, welch ein Land“, so dass
Oskar Ansull davon das Motto seiner Vortragsreihe ableitete.
Sogar Till Eulenspiegel ist in der Literatur über Celle verewigt. Bereits um 1350 wurde erzählt, dass
Eulenspiegel bei „Zell in ein Dorf“ ging, wahrscheinlich um dort seine Scherze zu treiben. Das Dorf ist nicht
näher benannt worden. Oskar Ansull schlug vor, just diesen alten Schelm Till zu vermarkten. Man solle ihm
als Touristenattraktion ein Denkmal vor das Schloss setzen.
Mit seiner fesselnden Vortragsweise hatte Oskar Ansull die Aufmerksamkeit des Publikums von Anfang bis
Ende, was ihm mit langanhaltendem Applaus gedankt wurde. In einer Dankesrede konfrontierte Susanne
Methfessel, beim Landkreis zuständig für Bildung, Sport und Zentrale Dienste, Oskar Ansull mit dem Gedicht
eines 16-Jährigen Schülers, „Verse und Gedanken für Franzi“, das er wohl schon aus seinem Gedächtnis
gestrichen hatte. Er selbst war im Jahre 1966 der Verfasser, und Franzi hatte das handschriftliche Werk über
die Jahre in Ehren gehalten. Das Original wollte sie nicht rausrücken; Susanne Methfessel überreichte ihm
eine Kopie. Ein amüsanter und anrührender Schlusspunkt.
Anschließend gab Oskar Ansull geduldig Autogramme mit Widmung oder „einfach nur so“. Da wurde sehr
deutlich, dass der Autor immer noch irgendwie in Celle zu Hause, auch wenn er viel von der Welt gesehen hat
und schon lange nicht mehr in Celle wohnt. Die Gespräche am Rande waren auch geprägt von einer
Wiedersehensfreude nach vielen oder nach wenigen Jahren – je nachdem. Jedenfalls ist er als „Einer von
uns“ in seiner alten Heimat angekommen und aufgenommen worden.
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